DIE VERÄNDERUNG IN MIR

by - 13:06


Ich liege regungslos in meinem Bett. Es ist elf, vielleicht auch zwölf Uhr in der Nacht und ich kann hören wie der Wind vor meinem Fenster durch die Äste peitscht. Ich atme tief durch, schließe meine Augen und kämpfe mit den Tränen, bis es dann doch unaufhaltsam aus mir herausbricht. Im Sekundentakt rinnt mir Träne für Träne über meine Wangen, bis ich den Versuch aufgebe, sie wegzuwischen. Mein Magen zieht sich fest zusammen, als würde mein Innerstes so laut schreien, dass die Nachbarn davon wach werden könnten. Solche Abende wiederholen sich ständig. Abende, an denen so viele Gedanken in meinem Kopf rum schwirren, dass ich keinen einzigen davon wirklich aufnehmen kann. Nur eines kann ich nicht mehr länger verleugnen: Ich bin unglücklich. Unheimlich unglücklich. Es ist, als gäbe es nichts mehr, an dem ich mich erfreuen könnte. Als wäre ich nicht mehr ich selbst, sondern nur noch eine Hülle, die versucht irgendwie durch den Tag zu kommen. Mein Feuer scheint erloschen. Dabei kann ich so dankbar sein, denn mir ging es doch eigentlich nie besser. Versuche zu ergründen, warum ich mich so elend fühle. Denke über mein Leben nach. Über all die Dinge, die ich mal erreichen wollte. Ich machte Abitur, schrieb gute Noten, bekam den Ausbildungsplatz, den ich mir erträumte. Ich arbeitete mir drei Jahren den Hintern ab, bestand letztendlich meine Prüfung und merkte, dass noch ein anderer Traum in mir schlummert. Also schrieb ich eine Bewerbung, begann mein Studium, bekam mein Wunschpraktikum beim Fernsehen und begegnete auch noch ganz plötzlich der Liebe meines Lebens. Ich gehe gedanklich meine Liste durch und finde einfach keine Lücke. Alles läuft nach Plan. Warum ist mein Leben dann aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe? Woher kommt diese Traurigkeit?

Letztes Jahr steckte ich in der wohl schwersten, aber auch gleichzeitig aufschlussreichsten Phase meines Lebens. Schon seit meiner Kindheit habe ich diese Dämonen in meinem Kopf, die mich auf Schritt und Tritt begleiten. Eine Gewitterwolke über mir, die mir wie ein Schatten folgte. Und auch wenn mich das sehr belastet hat, tat ich es immer wieder damit ab, dass die Dunkelheit eben zu mir gehörte. Dieser Hang zur Melancholie. Diese Eigenschaft nicht los lassen zu können. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem mir ein Licht aufging: Ich kann noch so viele Hausaufgaben machen, noch so viele Punkte von meiner Bucket Liste streichen – wenn ich nicht im Reinen mit mir selbst bin, dann scheint jedes erreichte Ziel fast wertlos zu sein. Ich werde mein Leben niemals vollends genießen können, wenn ich nicht anfange gegen die Dämonen zu kämpfen, die mich in die dunkelste Ecke meiner Gedanken treiben. Die Dämonen, die mich erst zur Tastatur bewegt haben und damit Auslöser waren, "Mindbroken" zu starten. Man sagt Kunst und Kreativität entsteht häufig aus Schmerz. Er ist die Triebfeder, die das Rad zum Laufen bringt. Und als plötzlich alles, worauf ich hingearbeitet hatte, immer mehr Gestalt annahm, verlor ich jeglichen Antrieb und Leidenschaft und damit einen großen Teil meiner Identität. Ich vernachlässigte den Blog, meine Freunde, meine Hobbys. Ich lebte nicht mehr für mich selbst, sondern für die Menschen um mich herum. Stand ihnen bei. Machte mir ihre Probleme zu eigen, und vergaß dabei auf mich zu achten. Erst jetzt habe ich verstanden, dass ich ihnen eine viel bessere Tochter, Enkelin, Freundin sein kann, wenn ich endlich wieder anfange, für mich selbst zu leben. Und genau das habe ich den Januar über gemacht. Ich habe auf meinen Körper gehört, auf meinen Geist gehört. Habe mir Gedanken darüber gemacht, was ich in den letzten Monaten vernachlässigt habe und was ich alles gerne tun würde. Mir wurde klar, dass ich mir eine Balance schaffen muss. Dass ich einen Weg finden muss, in unserer immer schnelllebiger werdenden Welt nicht vollkommen den Verstand zu verlieren. Jeden Moment intensiv und bewusst wahrzunehmen. Mich selbst intensiv und bewusst wahrnehmen.

Ich gebe zu, ich hatte ursprünglich vor meinen Blog zu schließen. Ein weiteres Kapitel abzuhaken. All die Inhalte, die so viel über mich und mein Leben aussagten, erinnerten mich an die Zeit, in der ich das unglückliche Mädchen war, dass sich ihr Leid von der Seele schreiben musste. Und ich weiß auch, dass sich einige meiner Leser mit diesem Mädchen identifizieren konnten. Aber ich bin jetzt zu dem Entschluss gekommen, dass ich weiter machen will. Nur eben anders. Ich will immer noch meine Gedanken teilen, aber auch Themen ansprechen, die mich die letzten Monate über beschäftigt haben. Wer mich schon etwas länger verfolgt, der weiß, dass ich vor allem seit den letzten fünf Jahren angefangen habe, die Welt in der wir leben ganz genau zu beobachten. Vor vier Jahren habe ich beschlossen kein Fleisch mehr zu essen. Ich habe mich hingesetzt, Bücher durchforstet und Dokumentationen geschaut, um genau abwägen zu können, warum ich das unbedingt tun musste. Nach und nach fing ich an, immer mehr zu recherchieren und zu erfahren. Über skrupellose Firmen, schlechte Produktionsweisen und vor allem Ungerechtigkeit. Und auch mein journalistisches Studium zwingt mich immer häufiger Dinge zu hinterfragen. Geschichten nicht nur an der Oberfläche zu beleuchten, sondern hinter die Fassade zu blicken. Und plötzlich wird das Leben immer härter, mein Verhalten immer durchdachter. Denn jede Entscheidung trägt jetzt Konsequenzen mit sich, die ich mir bewusst gemacht habe. Ich bin durch und durch Teil der Konsumgesellschaft, interessiere mich auch für Make-Up, Mode und Interior. Und doch denke ich zweimal nach, was das Produkt jetzt für mich aussagt und ob ich es wirklich brauche. Ich werde bewusster in meinen Entscheidungen, was mir sehr leicht fällt, denn ich habe mich schon immer von zu viel Zeug erdrückt gefühlt. Bewusstsein wird wohl mein Statement für 2017. Bewusst Momente genießen, bewusst arbeiten, bewusst ernähren, bewusst leben. So sehr ich die Vorzüge unserer digitalen Welt auch schätze, so sehnen sich mein Körper und mein Geist jetzt nach Momenten der Entschleunigung. Und das ist auch die Antwort auf die Frage, warum ich meinen Blog ein bisschen umgestellt habe. Ich brauche frischen Wind. Ich bin auf dem Weg aus meinen Fehlern der Vergangenheit zu lernen, bessere Entscheidungen zu treffen und mehr aus meinem Tag raus zu holen. Und daran will ich euch teilhaben und einen Austausch entstehen lassen.

Ich glaube, wir bemerken es manchmal gar nicht, wenn sich etwas verändert. Aber ich weiß jetzt für mich, diese Leere und Unzufriedenheit des letzten Jahres hat mir sagen wollen, dass ich etwas in Gang setzen soll. Denn Veränderungen passieren oftmals nicht dann, wenn wir welche erwarten, sondern in den klitzekleinen Zwischensequenzen, die wir kaum wahrzunehmen scheinen. Das Leben gibt uns Antworten, wenn wir die Suche nach ihnen schon längst aufgegeben haben. So ist das eben. Wir müssen nur aufmerksam genug sein, sie zu erkennen.


 

You May Also Like

1 Kommentare

  1. Nilay :) so schöne und erhliche Gedanken! Toll, wie du dich selbst reflektierst! Hör auf dein Bauchgefühl - du bist ganz sicher auf dem richtigen Weg :) Werde ab jetzt wieder öfter hier vorbeischauen hihi und mich auch mal wieder meinem Schreiben witmen..mal sehen was so passiert.
    Liebe Grüße aus Köln, deine Kim (:

    AntwortenLöschen